Chi Sao üben oder Ego stärken


Ich schreibe diesen Artikel, in der Hoffnung, dass auch meine ehemalige Wing Tsun / Wing Chun Kollegen ihre Horizonte erweitern und ein wenig hinterfragen, was sie da üben. Es ist leider so, dass solange man in einem System an die feste Regeln hält, wächst auch die Glaube, dass die Regeln richtig sind. Das ist wie mit einer Religion. Wing Chun ist aber was flexibles, etwas, was man nicht an die feste Vorstellungen binden kann. Erst, wenn einer mehrere Yip Man und Bruce Lee Chi SaoWing Chun Ansichten kennengelernt hat, kann über „richtig“ und „falsch“ im Bezug auf sich selbst entscheiden!

Meistens wird ein der wichtigsten Wing Chun Trainingsprinzipien unterschätzt und gar missachtet. Dem wird dieser Artikel gewidmet.

„Bat Tam Da, Bat Wai Da“

was bedeutet
Hab keine Angst vor Treffern.

Leider habe ich in meinem Wing Chun Laufband nicht nur sehr viel Schüler, aber auch einige Lehrer getroffen, die diese Weisheit missachten. Besonders betrifft sie die Chi Sao Training. Viele erkennen nicht, dass Chi Sao Übungen oder bekannt auch als Chi Sao Sektionen nicht mit dem Kämpfen gleichzusetzen sind. Die Chi Sao Übungen dienen nur für die Ausprägung bestimmter Reflexe, dem Verinnerlichen von Wing Chun Prinzipien, dem Training der Elastizität in den Gelenken, der Wachsamkeit der Augen sowie zum tieferen Verständnis von Yin und Yan Kreisläufen. Chi Sao ist eine Partnerübung. In dieser Übung sollten die Partner als „Nicht Einer gegen den Anderen“ fungieren, sondern wie ein Ganzes, wie 2 Menschen in einem Körper.

Chi Sao Ziele

Man kann Chi Sao mit unterschiedlichen Zielen trainieren. Dabei müssten sich die Übungspartner vorher absprechen, was genau sie üben wollen:

  • Ablauf lernen. Dies wird sehr entspannt geübt, am Anfang ist es sogar besser zu üben, mit „sich treffen lassen“. In dieser Trainingsphase soll ein Trainingspartner den anderen führen, ohne zu zeigen, dass er technisch überlegen ist. Dabei soll der Partner für diese Übungszeit eigene Reflexe „ausblenden lassen“, sogar, wenn er der Meinung ist, dass sein Partner von ihm getroffen werden kann! Nachdem ein Partner genug geübt hat, sollen die Trainingspartner die Rollen tauschen, damit auch der andere den gleichen Ablauf üben kann. Wenn beide Trainingspartner den Ablauf richtig üben, sieht es nach stetiger anspannungsfreier Rotation. Das kann man auch zum Teil „Wing Chun Tanz“ nennen. Nach so einem Training hat man noch mehr Kraft und Motivation als davor.
  • Ablauf mit dem „leichten Druck“. In dieser Trainingsphase wird immernoch ein Trainingspartner von dem anderen in der Übung geführt. „Der leichte Druck“ – elastische Anspannung der Muskulatur sorgt dafür, dass die Wing Chun Techniken fehlerfrei geübt werden. Damit wird die Statik des Körpers, die Zentrallinie und die Schrittarbeit korrigiert. Vorsicht: Diese Phase ist auch kein Kampf und es geht gar nicht darum, dass ein Trainingspartner dem anderen oder sich selbst was beweisen will! Wenn der geführte Partner ständig gleiche Fehler macht, wird das Tempo verlangsamt. Wichtig, dass beide Trainingspartner die Übung im gleichen Tempo machen!
  • Einzelne Elemente Trainieren. Auch hier sollen sich die Partner absprechen, was genau sie trainieren wollen. Diese Phase wird mit sehr viel Druck ausgeübt. Druck ist keine Muskelverkrampfung! Der Druck wir in den Hüftgelenken und den Beinmuskeln erzeugt. Es ist sinnvoll mit einer Schutzausrüstung zu trainieren. Meistens werden nur 2, maximal 3 Elemente in der Phase trainiert.
  • Freies Chi Sao. Freies Chi Sao bedeutet auch keinen Kampf. Freies Chi Sao ist nichts anderes, als das Verbinden von all den Chi Sao Sektionen und Übungen, die man vorher in den 3 Trainingsphasen gelernt hat. Freies Chi Sao wird mit dem leichten Druck ausgeübt. Dabei gelingt es beiden Trainingspartner leichte Treffer zu erzielen. Wichtig ist es sogar nach den Treffern die Übung nicht abzubrechen, sondern weiter zu machen! Werden Sie getroffen – nicht verkrampfen! Wenn ein Trainingspartner dem anderen überlegen ist, soll er seine Geschwindigkeit an seinen Partner anpassen. Auch hier geht es nicht darum, eigenes Ego aufzubauen! Nach so einem stundenlangen Training fühlt man sich wie in Nirvana.

Ein Tip für dijenige, die sich und den anderen ständig was beweisen wollen: Ich habe gehört, dass die Ziegelsteine zu zerhauen ganz gut dafür geeignet sind, und zwar – schlagen Sie mit dem Kopf!

SFJ Wing Chun Berlin